Tätigkeitsbericht 2019

Die Gesellschaft Österreichischer Kinderdörfer betreut seit über 60 Jahren Kinder und Jugendliche aus sozial zerrütteten Familien. Unsere Kinderdorfkinder haben oft in jungen Jahren schwere Schicksale erlebt und kommen aus Familien, in denen Drogen oder Gewalt zum Alltag gehören. Oft wurden „unsere“ Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch. Ziel bei der Betreuung dieser Kinder ist immer die Rückführung in die Familie, was aber nur selten gelingt. Dadurch betreuen wir Kinder zwischen 3 und 18 Jahren. Manchmal auch darüber hinaus.

Wir versuchen in unseren Einrichtungen, diesen Kindern ein geborgenes Zuhause zu geben. Alle unsere Kinder leben in Bungalows oder in Wohnungen gemeinsam mit ausgebildeten Sozialpädagogen. In den meisten Fällen leben 8 Kinder gemeinsam in einer Wohneinheit. Sie essen gemeinsam, leben gemeinsam, lernen aufeinander Rücksicht zu nehmen und erfahren was es bedeutet, ein zu Hause zu haben.

Sie besuchen Kindergärten und Schulen und absolvieren auch eine Berufsausbildung in Form einer Lehre oder einer weiterführenden Schule. Bei der Entscheidung über die Berufswahl werden die Kinder von unseren Sozialpädagogen unterstützt und begleitet. Stolz sind wir natürlich immer, wenn einige unserer Kinderdorfkinder erfolgreich ein Studium abschließen können. Obwohl die Finanzierung für spezielle Ausbildungsbereiche nicht gesichert ist, versuchen wir den Jugendlichen das Erlernen ihres Wunschberufes zu ermöglichen.

Neben diesen „Basics“ bekommen alle unsere Kinder auch auf sie abgestimmte Therapien – Psychotherapie, Reittherapie bzw. tiergestützte Pädagogik, Kunsttherapie (Mal- & Musiktherapie). Diese sind wichtig, um die erlebten Tragödien gut verarbeiten zu können und die Benachteiligung im Bereich der Sozialisationsbedingungen aufzuarbeiten.

Ein besonderes Angebot, auf das wir auch sehr stolz sind, sind die Startwohnungen. Nachdem im Alter von 14 Jahren entschieden werden kann, ob der jeweilige Jugendliche in ein Jugendhaus übersiedelt (Einrichtung im Kinderdorf, in der bereits ein bisschen mehr Selbstständigkeit erforderlich ist, speziell für Jugendliche), besteht im Alter von 18 Jahren auch die Möglichkeit in eine der Startwohnungen einzuziehen. Gemeinsam mit ein oder zwei anderen Jugendlichen erlernen die jungen Erwachsenen dort das alleine leben und werden dennoch von den Sozialpädagogen des Kinderdorfes mitbetreut.

Seit Herbst 2014 haben wir aber unser Angebotsspektrum erweitert. Mit der Eröffnung des „Zentrum für Kind und Familie“ rückt die gesamte Familie in den Mittelpunkt unserer Arbeit und setzt familienbegleitende und familienfördernde Akzente. Angefangen von einer umfassenden Familiendiagnostik bis hin zu familientherapeutischen Maßnahmen, soll eine Fremdunterbringung des Kindes vermieden werden.

Dank der Unterstützung von Subventionsgebern, Sponsoren und Privatspendern ist es gelungen, wieder einige Zusatzprojekte zu realisieren. Die Berichte der wichtigsten Projekte des Jahres 2019 werden hier angeführt:

 

Heilpädagogisches Reiten und tiergestützte Pädagogik

Heilpädagogisches Reiten ist v.a. in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eine ideale Methode, um die Gesamtpersönlichkeit des Kindes und Jugendlichen anzusprechen. Heilpädagogisches Reiten wird von den Kindern und Jugendlichen als pädagogisches-psychologisches Verfahren akzeptiert, ohne dass es als eigentliche Therapie empfunden wird. Bei dieser Methode bieten sich durch fortwährende Sinneseindrücke, Bewegungsangebote, Bewegungserfahrungen und die ständige Interaktion, die sich zwischen Kindern und Jugendlichen – Pferd – Pädagogen – Gruppe ergeben, viele Möglichkeiten des Lernens und der Entwicklung. Dabei wird versucht Menschen mit Teilleistungs- und Lernschwächen, Verhaltensauffälligkeiten, geistiger Behinderung, Sinnesbehinderung, Wahrnehmungs- und Sprechstörungen, Störungen im emotionalen und sozialen Bereich zu fördern.

Während das heilpädagogische Reiten an allen Standorten angeboten wird, wird im Europahaus des Kindes über die Reittherapie hinaus, versucht, durch einen Tierstall mit Lamas, Schafen, Ziegen und Hunden Defizite der Kinder auszugleichen. Die Kinder versorgen die Tiere abends und am Wochenende, dies fördert Ihr Verantwortungsbewusstsein. In kleinen Gruppen und mit Hilfe einer Mitarbeiterin werden abwechselnd die Ställe ausgemistet sowie Heu und Wasser verteilt. Soziale Defizite der Kinder werden ausgeglichen und sie haben etwas, auf das sie stolz sein können. Eine Heilpädagogin betreut Kinder in Einzelförderstunden und kann so auf besondere Bedürfnisse eingehen. Die Methode und die Zielsetzung sind abhängig vom Kind und regelmäßig wird reflektiert, ob die Ziele erreicht werden und wie der weitere Verlauf der Betreuung aussehen soll.

 

Mal- und Gestaltstherapie im Europahaus des Kindes

Seit vielen Jahren unterstützen wir Kinder, die im Europahaus des Kindes ein neues zu Hause gefunden haben mit regelmäßigen Mal- und Gestaltstherapeutischen Einheiten. Der kreative Prozess, der in der Therapieeinheit angeregt wird, soll helfen belastende Erlebnisse zu bewältigen und  eine  Veränderungen leichter möglich machen. Kreativität ist die schöpferische Kraft, etwas Neues entstehen zu lassen. Kreativität heißt aber auch etwas zu finden, was bereits in uns angelegt ist. Der künstlerische Auseinandersetzung – ohne Zwang und einengende Vorschrift, aber sicher gestützt und begleitet – hilft, eigene Ausdrucksformen zu finden, die eigenen Möglichkeiten und Ressourcen zu erfahren und auszuschöpfen.

Die Maltherapie kann sehr behutsam, in Achtung der seelischen Schutzmechanismen, wirken. Bilder und Gestaltungen von Monstern, Gespenstern, gefräßigen Meeresungeheuern, Wirbelstürmen oder Vulkanen ermöglichen dem Malenden eine seelische Entlastung. Oft werden bedrohliche Gestalten in einen Käfig eingesperrt, von einer Heldengestalt gebändigt oder übermalt. Das Kind kann sich so als selbstbestimmt erleben und dem „Ausgeliefert – Sein“ in der Vergangenheit autonomes Handeln in der Gegenwart gegenüberstellen.

Die Maltherapeutin steht mit emphatischer Wahrnehmung begleitend und unterstützend zur Verfügung. Indem die Bilder der Kinder geschätzt werden, können sie sich selbst geschätzt fühlen.

Immer wieder sind wir überrascht und berührt, wie intensiv sich die Kinder trotz der erlebten Vertrauensbrüche auf das maltherapeutische Angebot einlassen.

 

Freizeitpädagogische Projekte/Ferienaktivitäten

Gemeinsame Aktivitäten auf Sportwoche oder bei gemeinsamen Ferienerlebnissen sind für unsere Kinder und Jugendlichen eine besonders wertvolle Ergänzung zur sozialpädagogischen „Alltagsbetreuung“ und eine wesentliche Unterstützung für einen positiven Entwicklungsverlauf.

Unsere Kinder und Jugendlichen sollen aber auch die Möglichkeit haben, außerhalb unserer Einrichtung an Freizeitaktivitäten und Projekten teilzunehmen, um einer Ghettoisierung entgegen zu wirken. Freizeitpädagogische Projekte und Ferienaktivitäten geben den Kindern und Jugendlichen sowohl Möglichkeiten zur individuellen Freizeitgestaltung als auch für gemeinschaftliche Aktivitäten. Freizeitangebote zur Förderung der Gruppenkonstitution und der sozialen Eingebundenheit sowie der Selbstwirksamkeit der Kinder und Jugendlichen werden gesetzt.

 

Intensivbetreuung

Aufgrund traumatisierender Erfahrungen in ihrer Lebensgeschichte benötigen manche unserer Kinder und Jugendlichen zusätzlich zur Gruppenbetreuung und zu therapeutischen Massnahmen auch noch eine intensive sozialpädagogische Betreuung brauchen, in der man ganz speziell ihre individuellen bindungs- und traumabezogenen Unterstützungsbedürfnisse berücksichtigt.

In der Intensivbetreuung bieten wir gezielt Angebote zur Förderung der Körper- und Sinneswahrnehmung und unterstützen die Kinder und Jugendlichen beim Ausdruck von Empfindungen und Bedürfnissen. Es werden entwicklungsgerechte Impulse zur Emotionsregulation sowie zur Förderung der Entspannungsfähigkeit und des Selbstverstehens von Kindern und Jugendlichen gesetzt. Dazu zählt die Unterstützung beim Verstehen und Benennen von Krisenauslösern, Bindungsverhalten und den damit verbunden typischen Beziehungsdynamiken sowie ggf. von Traumasymptomen.

 

Tagesbetreuung für Kinder mit körperlicher Behinderung

Im Rahmen eines Tagesbetreuungsmodells für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen wird in den Sommerferien ein umfangreiches und professionelles Betreuungsangebot organisiert. Die Freizeitbegleitung leistet so einen wichtigen Beitrag, dass auch diese besonderen Kinder die Möglichkeit zur von der UN-Behindertenrechts-Konvention vorgeschriebenen entwicklungs- und bedürfnisadäquate Teilhaber am kulturellen Leben, Freizeitgestaltung und Sport erhalten.

 

Therapie und Intensivbetreuung von schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen

Bei der Aufnahme der Kinder und Jugendlichen im Kinderdorf Pöttsching zeigt sich, dass durch die traumatisierenden Erlebnisse der Kinder und Jugendlichen in ihren Familien neben einer intensiven Betreuung eine Vielzahl von Therapieformen eingesetzt werden müssen.

Diese therapeutische Betreuung hilft den Kindern sehr, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Großen Erfolg erreichen wir beim Einsatz der Reit-, Musik- und Kunsttherapie. Besonders wichtig ist der Austausch und das Zusammenarbeiten von Therapeut und Intensivbetreuer. So können besonders schwierige  Situationen (Suizidgedanken, kindliche Depressionen, Aggressionsausbrüche etc.) früh erkannt und bearbeitet werden. Kinder/Jugendliche, die das Gefühl der Hilflosigkeit erleben, können durch diese therapeutische und intensive SP-Betreuung ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl stärken. Um bei unseren Kindern/Jugendlichen einen positiven Entwicklungsverlauf zu erzielen, ist diese intensive Form der Betreuung besonders wichtig.

 

Klangwolke – Elementare Musikpädagogik

Musik- und Bewegungserziehung will das Kind in seinem ganzheitlichen Ausdrucksvermögen ansprechen. Tanzen, gestisch-mimisches Darstellen, Singen, Sprechen und instrumentales Spielen geben dem Kind die Möglichkeit zu äußern, was es erfahren hat. In Studien konnte ein positiver Effekt auf die Intelligenzentwicklung, im Speziellen bei Kindern, nachgewiesen werden. Musizieren wirkt sich positiv auf die verbale und räumlich-figurale Intelligenz aus, auf sprachliche Kompetenz bei Kindern, auf das Sozialverhalten. So lies sich nachweisen, dass Kinder, welche Musizieren ein signifikant geringeres Aggressionspotenzial aufweisen, als solche, die nicht Musizieren.

Im Anton Afritsch Kinderdorf werden einmal in der Woche mit den Kindern gemeinsam die Einheiten gestaltet. Es soll dabei eine altermäßige Trennug der Kinder geben. Mit den Jüngeren (5-10 Jahre) wird eine Einheit nach Kriterien der EMP gestaltet. Mit den älteren Kindern (ab 10 Jahren) gibt es ein Projekt im Sinne einer „Kinderdorf-Band“.

 

Interdisziplinäre Unterstützung von Problemfamilien

Sogenannte „Problemfamilien“ werden durch ein interdisziplinäres Team im Rahmen eines diagnostischen Verfahrens und der Entwicklung eines weiteren Betreuungsplanes unterstützt. Ziel ist dabei eine Fremdunterbringung des Kindes zu vermeiden bzw. eine erfolgreiche Rückführung in die Familie zu ermöglichen. Dadurch soll es ermöglicht werden, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche wieder gut in ihr Familiensystem bzw. in die Gesellschaft zu integrieren.

Zielgruppe dieses Projekts sind Familien, in denen die gängigen ambulanten Hilfen mit großer Wahrscheinlichkeit als unzureichend angesehen werden, Fremdunterbringung aber (noch) nicht indiziert ist.

Für diese Familien, bei denen die bestehenden ambulanten und/oder aufsuchenden Betreuungsmöglichkeiten als unzureichend angesehen werden oder sich als nicht zielführend erweisen, bietet das Zentrum für Kind und Familie die Möglichkeit einer tiefgehenden umfassenden und fundierten Diagnostik ohne Herausnahme des Kindes aus der Familie sowie einer qualitativ hochwertigen sozialarbeiterisch-sozialpädagogisch-therapeutischen Weiterbetreuung und –behandlung in sehr unterschiedlichen und individuell zugeschnittenen Settings an.

Ein interdisziplinär besetztes Team – bestehend aus Klinischen PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen, ÄrztInnen (Fachärzte für Kinder- u. Jugendpsychiatrie, Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendheilkunde), PsychotherapeutInnen, funktionale Therapeuten (Ergotherapie, Logopädie, Legasthenietherapie) usw. – arbeitet gemeinsam. Dabei ist ein Teil des Teams in der jeweiligen Familie vor Ort und macht dort diagnostische Erhebungen (explorative Gespräche, teilnehmende Beobachtung usw.). Das gesamte weitere Team steht für ergänzende Untersuchungen, Befundungen usw. sowie zur regelmäßigen Reflexion zur Verfügung.

Auf Basis dieser Diagnostik wird ein individuell mit der Familie und der zuständigen Fachkraft für Kinder- und Jugendhilfe gemeinsam erarbeiteter individueller Betreuungsplan erstellt.