Tätigkeitsbericht 2018

Die Gesellschaft Österreichischer Kinderdörfer betreut seit 60 Jahren Kinder und Jugendliche aus sozial zerrütteten Familien. Unsere Kinderdorfkinder haben oft in jungen Jahren schwere Schicksale erlebt und kommen aus Familien, in denen Drogen oder Gewalt zum Alltag gehören. Oft wurden „unsere“ Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch. Ziel bei der Betreuung dieser Kinder ist immer die Rückführung in die Familie, was aber nur selten gelingt. Dadurch betreuen wir Kinder zwischen 3 und 18 Jahren. Manchmal auch darüber hinaus.

Wir versuchen in unseren Einrichtungen, diesen Kindern ein geborgenes Zuhause zu geben. Alle unsere Kinder leben in Bungalows oder in Wohnungen gemeinsam mit ausgebildeten Sozialpädagogen. In den meisten Fällen leben 8 Kinder gemeinsam in einer Wohneinheit. Sie essen gemeinsam, leben gemeinsam, lernen aufeinander Rücksicht zu nehmen und erfahren was es bedeutet, ein zu Hause zu haben.

Sie besuchen Kindergärten und Schulen und absolvieren auch eine Berufsausbildung in Form einer Lehre oder einer weiterführenden Schule. Bei der Entscheidung über die Berufswahl werden die Kinder von unseren Sozialpädagogen unterstützt und begleitet. Stolz sind wir natürlich immer, wenn einige unserer Kinderdorfkinder erfolgreich ein Studium abschließen können. Obwohl die Finanzierung für spezielle Ausbildungsbereiche nicht gesichert ist, versuchen wir den Jugendlichen das Erlernen ihres Wunschberufes zu ermöglichen.

Neben diesen „Basics“ bekommen alle unsere Kinder auch auf sie abgestimmte Therapien – Psychotherapie, Reittherapie bzw. tiergestützte Pädagogik, Kunsttherapie (Mal- & Musiktherapie). Diese sind wichtig, um die erlebten Tragödien gut verarbeiten zu können und die Benachteiligung im Bereich der Sozialisationsbedingungen aufzuarbeiten.

Ein besonderes Angebot, auf das wir auch sehr stolz sind, sind die Startwohnungen. Nachdem im Alter von 14 Jahren entschieden werden kann, ob der jeweilige Jugendliche in ein Jugendhaus übersiedelt (Einrichtung im Kinderdorf, in der bereits ein bisschen mehr Selbstständigkeit erforderlich ist, speziell für Jugendliche), besteht im Alter von 18 Jahren auch die Möglichkeit in eine der Startwohnungen einzuziehen. Gemeinsam mit ein oder zwei anderen Jugendlichen erlernen die jungen Erwachsenen dort das alleine leben und werden dennoch von den Sozialpädagogen des Kinderdorfes mitbetreut.

Seit Herbst 2014 haben wir aber unser Angebotsspektrum erweitert. Mit der Eröffnung des „Zentrum für Kind und Familie“ rückt die gesamte Familie in den Mittelpunkt unserer Arbeit und setzt familienbegleitende und familienfördernde Akzente. Angefangen von einer umfassenden Familiendiagnostik bis hin zu familientherapeutischen Maßnahmen, soll eine Fremdunterbringung des Kindes vermieden werden.

Dank der Unterstützung von Subventionsgebern, Sponsoren und Privatspendern ist es gelungen, wieder einige Zusatzprojekte zu realisieren. Die Berichte der wichtigsten Projekte des Jahres 2018 werden hier angeführt:

 

Heilpädagogisches Reiten und tiergestützte Pädagogik

Heilpädagogisches Reiten ist v.a. in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eine ideale Methode, um die Gesamtpersönlichkeit des Kindes und Jugendlichen anzusprechen. Heilpädagogisches Reiten wird von den Kindern und Jugendlichen als pädagogisches-psychologisches Verfahren akzeptiert, ohne dass es als eigentliche Therapie empfunden wird. Bei dieser Methode bieten sich durch fortwährende Sinneseindrücke, Bewegungsangebote, Bewegungserfahrungen und die ständige Interaktion, die sich zwischen Kindern und Jugendlichen – Pferd – Pädagogen – Gruppe ergeben, viele Möglichkeiten des Lernens und der Entwicklung. Dabei wird versucht Menschen mit Teilleistungs- und Lernschwächen, Verhaltensauffälligkeiten, geistiger Behinderung, Sinnesbehinderung, Wahrnehmungs- und Sprechstörungen, Störungen im emotionalen und sozialen Bereich zu fördern.

Während das heilpädagogische Reiten an allen Standorten angeboten wird, wird im Europahaus des Kindes über die Reittherapie hinaus, versucht, durch einen Tierstall mit Lamas, Schafen, Ziegen und Hunden Defizite der Kinder auszugleichen. Die Kinder versorgen die Tiere abends und am Wochenende, dies fördert Ihr Verantwortungsbewusstsein. In kleinen Gruppen und mit Hilfe einer Mitarbeiterin werden abwechselnd die Ställe ausgemistet sowie Heu und Wasser verteilt. Soziale Defizite der Kinder werden ausgeglichen und sie haben etwas, auf das sie stolz sein können. Eine Heilpädagogin betreut Kinder in Einzelförderstunden und kann so auf besondere Bedürfnisse eingehen. Die Methode und die Zielsetzung sind abhängig vom Kind und regelmäßig wird reflektiert, ob die Ziele erreicht werden und wie der weitere Verlauf der Betreuung aussehen soll.

 

Dachsanierung im Anton Afritsch Kinderdorf

Im „Waldhaus“ ist eine Wohngruppe untergebracht, die schon auf den nächsten Schritt in die Selbständigkeit vorbereitet. Der zweite Teil des Hauses wird genutzt um Eltern der bei uns untergebrachten Kindern die Möglichkeit zu bieten im Kinderdorf zu nächtigen und somit mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Dies ist v.a. für jene Kinder von Bedeutung, deren Eltern nur begleitet Kontakt haben können oder die weite Entfernungen bewältigen müssen, um Kontakt zu ihren Kindern zu haben.

Das Gebäude wurde in den 80er Jahren gebaut, in den letzten Jahren waren schon laufend Reparaturen notwendig. Nun ist es jedoch Zeit ein neues Dach aufzubauen, da sich weitere Reparaturkosten nicht mehr rechnen.

 

Interdisziplinäre Unterstützung von Problemfamilien

Sogenannte „Problemfamilien“ werden durch ein interdisziplinäres Team im Rahmen eines diagnostischen Verfahrens und der Entwicklung eines weiteren Betreuungsplanes unterstützt. Ziel ist dabei eine Fremdunterbringung des Kindes zu vermeiden bzw. eine erfolgreiche Rückführung in die Familie zu ermöglichen. Dadurch soll es ermöglicht werden, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche wieder gut in ihr Familiensystem bzw. in die Gesellschaft zu integrieren.

 

Nachhaltiges Beziehungsangebot – Arbeit mit ehemaligen Kinderdorfkindern

Die Ehemaligenbetreuung soll ihren Platz im Kinderdorf erhalten und als freiwillige Anlauf- und Kontaktstelle für alle ehemaligen Kinderdorfkinder dienen. In vertrauensvoller Atmosphäre können alte Beziehungen gepflegt und Unterstützung bei auftretenden Lebensfragen geboten werden. Somit bleibt den Kindern ein Ort erhalten, an dem sie bisher teilweise sehr lang gelebt haben und wo sie jederzeit Verständnis, konkrete Unterstützung und Wegbegleitung erwarten können. Somit stellt die Ehemaligenbetreuung ein Beziehungsangebot auch nach der Unterbringung dar: offene Türen zum Austausch und zur Begegnung.

Das Angebot soll Hilfe zur Sicherung der beruflichen und finanziellen Existenz bie-ten, Stärkung in lebenspraktischen Dingen und Erschließung von Ressourcen bis zur Unterstützung bei der Beziehungsgestaltung im privaten und familiären Umfeld

 

Tagesbetreuung für Kinder mit körperlicher Behinderung

Im Rahmen eines Tagesbetreuungsmodells für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen wird in den Sommerferien ein umfangreiches und professionelles Betreuungsangebot organisiert. Die Freizeitbegleitung leistet so einen wichtigen Beitrag, dass auch diese besonderen Kinder die Möglichkeit zur von der UN-Behindertenrechts-Konvention vorgeschriebenen entwicklungs- und bedürfnisadäquate Teilhaber am kulturellen Leben, Freizeitgestaltung und Sport erhalten.

 

Adaptierung der Wohnbereiche im Europahaus des Kindes

In den Wohngruppen im Europahaus des Kindes finden Kinder ein neues zu Hause, wenn die Herkunftsfamilie nicht mehr in der Lage ist für das Kind ausreichend zu sorgen, das Kind zu unterstützen und es gewährleistet ist, dass das Kind in einem sicheren Umfeld aufwachsen kann. Das Jugendamt entscheidet, dass die „außerfamiliäre“ Unterbringung zur Sicherheit des Kindes notwendig ist.

Wir versuchen den Kindern, die bei uns leben eine sehr gute pädagogische und liebevolle Betreuung bzw. Begleitung durch die Kindheit zu ermöglichen. Dazu gehört auch, dass das Kind sich in seinem neuen zu Hause wohl fühlen kann.

Immer wieder versuchen wir  mit dem einzelnen Kind das „Wohlfühlen“ in der Wohngruppe zu thematisieren und das Kind in die Gestaltung des eigenen Zimmers mit einzubeziehen. Für viele Kinder ist der gemütliche Wohnbereich, ein schön gestaltetes Kinderzimmer eine ganz neue Erfahrung, wenn sie in die Wohngruppe übersiedeln. Immer wichtiger wird das Zurückziehen können in ein eigenes Zimmer – wir versuchen daher alle Möglichkeiten auszuschöpfen um für ganz viele Kinder im Europahaus kleine Einzelzimmer anzulegen bzw. zu gestalten und zu adaptieren.

Unsere Kinder haben die massive traumatische Erlebnisse zu verarbeiten – zeigen oftmals Impulsdurchbrüche, Aggressionsschübe, die dazu führen, dass das eigene Zimmer sehr leidet, Möbelstücke zerstört werden,  und daher sind immer wieder Renovierungsarbeiten  notwendig.

Der Wohnbereich soll gemütlich, einladend und schön sein. Die Kinderzimmer sollen trotz der Impulsdurchbrüche immer wieder ein netter Rückzugsort sein, d.h. wir arbeiten stetig und mit Geduld daran, dass die Kinder / Jugendlichen lernen ihren Zorn nicht im Zimmer abzulassen.

 

Therapie und Intensivbetreuung von schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen

Bei der Aufnahme der Kinder und Jugendlichen im Kinderdorf Pöttsching zeigt sich, dass durch die traumatisierenden Erlebnisse der Kinder und Jugendlichen in ihren Familien neben einer intensiven Betreuung eine Vielzahl von Therapieformen eingesetzt werden müssen.

Diese therapeutische Betreuung hilft den Kindern sehr, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Großen Erfolg erreichen wir beim Einsatz der Reit-, Musik- und Kunsttherapie. Besonders wichtig ist der Austausch und das Zusammenarbeiten von Therapeut und Intensivbetreuer. So können besonders schwierige  Situationen (Suizidgedanken, kindliche Depressionen, Aggressionsausbrüche etc.) früh erkannt und bearbeitet werden. Kinder/Jugendliche, die das Gefühl der Hilflosigkeit erleben, können durch diese therapeutische und intensive SP-Betreuung ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl stärken. Um bei unseren Kindern/Jugendlichen einen positiven Entwicklungsverlauf zu erzielen, ist diese intensive Form der Betreuung besonders wichtig.

 

Begleitete Elternbesuche für fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche

In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass immer mehr fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche nur dann einen Kontakt zu ihren Eltern bzw. ihrem Herkunftsfamiliensystem haben können, wenn dieser durch professionell ausgebildete SozialpädagogInnen begleitet wird. Das ist wichtig, um erneute Übergriffe, Manipulationen und Retraumatisierungen zu verhindern und dennoch einen Kontakt zur Herkunftsfamilie zu ermöglichen. Deshalb bieten wir verstärkt nun auch die Möglichkeit von begleiteten Elternbesuchen für fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche an.