Tätigkeitsbericht 2017

Die Gesellschaft Österreichischer Kinderdörfer betreut seit 60 Jahren Kinder und Jugendliche aus sozial zerrütteten Familien. Unsere Kinderdorfkinder haben oft in jungen Jahren schwere Schicksale erlebt und kommen aus Familien, in denen Drogen oder Gewalt zum Alltag gehören. Oft wurden „unsere“ Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch. Ziel bei der Betreuung dieser Kinder ist immer die Rückführung in die Familie, was aber nur selten gelingt. Dadurch betreuen wird Kinder zwischen 3 und 18 Jahren. Manchmal auch darüber hinaus.

Wir versuchen in unseren Einrichtungen, diesen Kindern ein geborgenes Zuhause zu geben. Alle unsere Kinder leben in Bungalows oder in Wohnungen gemeinsam mit ausgebildeten Sozialpädagogen. In den meisten Fällen leben 8 Kinder gemeinsam in einer Wohneinheit. Sie essen gemeinsam, leben gemeinsam, lernen aufeinander Rücksicht zu nehmen und erfahren was es bedeutet, ein zu Hause zu haben.

Sie besuchen Kindergärten und Schulen und absolvieren auch eine Berufsausbildung in Form einer Lehre oder einer weiterführenden Schule. Bei der Entscheidung über die Berufswahl werden die Kinder von unseren Sozialpädagogen unterstützt und begleitet. Stolz sind wir natürlich immer, wenn einige unserer Kinderdorfkinder erfolgreich ein Studium abschließen können. Obwohl die Finanzierung für spezielle Ausbildungsbereiche nicht gesichert ist, versuchen wir den Jugendlichen das Erlernen ihres Wunschberufes zu ermöglichen.

Neben diesen „Basics“ bekommen alle unsere Kinder auch auf sie abgestimmte Therapien – Psychotherapie, Reittherapie bzw. tiergestützte Pädagogik, Kunsttherapie (Mal- & Musiktherapie). Diese sind wichtig, um die erlebten Tragödien gut verarbeiten zu können und die Benachteiligung im Bereich der Sozialisationsbedingungen aufzuarbeiten.

Ein besonderes Angebot, auf das wir auch sehr stolz sind, sind die Startwohnungen. Nachdem im Alter von 14 Jahren entschieden werden kann, ob der jeweilige Jugendliche in ein Jugendhaus übersiedelt (Einrichtung im Kinderdorf, in der bereits ein bisschen mehr Selbstständigkeit erforderlich ist, speziell für Jugendliche), besteht im Alter von 18 Jahren auch die Möglichkeit in eine der Startwohnungen einzuziehen. Gemeinsam mit ein oder zwei anderen Jugendlichen erlernen die jungen Erwachsenen dort das alleine leben und werden dennoch von den Sozialpädagogen des Kinderdorfes mitbetreut.

Seit Herbst 2014 haben wir aber unser Angebotsspektrum erweitert. Mit der Eröffnung des „Zentrum für Kind und Familie“ rückt die gesamte Familie in den Mittelpunkt unserer Arbeit und setzt familienbegleitende und familienfördernde Akzente. Angefangen von einer umfassenden Familiendiagnostik bis hin zu familientherapeutischen Maßnahmen, soll eine Fremdunterbringung des Kindes vermieden werden.

Dank der Unterstützung von Subventionsgebern, Sponsoren und Privatspendern ist es gelungen, wieder einige Zusatzprojekte zu realisieren. Die Berichte der wichtigsten Projekte des Jahres 2017 werden hier angeführt:

 

Heilpädagogisches Reiten und tiergestützte Pädagogik

Heilpädagogisches Reiten ist v.a. in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eine ideale Methode, um die Gesamtpersönlichkeit des Kindes und Jugendlichen anzusprechen. Heilpädagogisches Reiten wird von den Kindern und Jugendlichen als pädagogisches-psychologisches Verfahren akzeptiert, ohne dass es als eigentliche Therapie empfunden wird. Bei dieser Methode bieten sich durch fortwährende Sinneseindrücke, Bewegungsangebote, Bewegungserfahrungen und die ständige Interaktion, die sich zwischen Kindern und Jugendlichen – Pferd – Pädagogen – Gruppe ergeben, viele Möglichkeiten des Lernens und der Entwicklung. Dabei wird versucht Menschen mit Teilleistungs- und Lernschwächen, Verhaltensauffälligkeiten, geistiger Behinderung, Sinnesbehinderung, Wahrnehmungs- und Sprechstörungen, Störungen im emotionalen und sozialen Bereich zu fördern.

 

Während das heilpädagogische Reiten an allen Standorten angeboten wird, wird im Europahaus des Kindes über die Reittherapie hinaus, versucht, durch einen Tierstall mit Lamas, Schafen, Ziegen und Hunden Defizite der Kinder auszugleichen. Die Kinder versorgen die Tiere abends und am Wochenende, dies fördert Ihr Verantwortungsbewusstsein. In kleinen Gruppen und mit Hilfe einer Mitarbeiterin werden abwechselnd die Ställe ausgemistet sowie Heu und Wasser verteilt. Soziale Defizite der Kinder werden ausgeglichen und sie haben etwas, auf das sie stolz sein können. Eine Heilpädagogin betreut Kinder in Einzelförderstunden und kann so auf besondere Bedürfnisse eingehen. Die Methode und die Zielsetzung ist abhängig vom Kind und regelmäßig wird reflektiert, ob die Ziele erreicht werden und wie der weitere Verlauf der Betreuung aussehen soll.

 

 

Lebensbuch – Biographiearbeit

Biographiearbeit ist eine Methode, Kindern und Jugendlichen bei der Rekonstruktion ihrer Vergangenheit zu helfen, verschwundene Zeiten wieder zugänglich zu machen und so die seelische Reifung und Weiterentwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Wichtig bei der Biographiearbeit ist zum einen der Prozess: das Erarbeiten, Zusammentragen und Besprechen bestimmter Ereignisse – zum anderen soll ein konkretes Ergebnis, ein Produkt entstehen (Lebensbuch).

Biographiearbeit ist eine wirkungsvolle Methode für jedes Lebensalter und soll im Kinderdorf mit jedem Kind umgesetzt werden. In regelmäßigen Treffen wird die Biographie jedes einzelnen Kindes erarbeitet. Als Ergebnis soll dann jedes Kind ein professionell ausgestaltetes (gedruckte Mappe mit individuell gestaltetem Inhalt) Lebensbuch als Teil der Indentitätsentwicklung in Händen haben.

That’s my life – geschlechtsspezifische Arbeit mit benachteiligten Kindern

Burschen- und Mädchenarbeit unter Berücksichtigung der Herkunft – hier insbesondere in Zusammenhang mit Benachteiligung – stellt eine besondere Herausforderung in der sozialpädagogischen Arbeit dar, die über die Alltagspädagogik hinausgeht und sowohl einen traumpädagogischen als auch altersspezifischen Schwerpunkt aufweisen muss. In Burschen- und Mädchengruppen soll die Möglichkeit gegeben werden, je nach Bedürfnissen der Kinder, aktueller Relevanz und bisherigen Erfahrungen, in zwei geschlechtshomogenen Gruppen an speziellen Themen zu arbeiten.

 

Erlebnispädagogische Projekte

Traumatische Erfahrungen vor der Unterbringung und die Trennung von der Familie prägen fremduntergebrachte Kinder. Unser Pädagoginnen und Pädagogen bringen immer wieder Ideen zur gezielten Förderung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen ein. Es entstehen individuell konzipierte Projekte, die als Reaktion auf die pädagogischen Herausforderungen in den sozialpädagogischen Wohngruppen entwickelt werden. Dadurch erhoffen wir uns, dass unsere  benachteiligten Kinder Erlebtes besser verarbeiten können. Unser Projektschwerpunkt liegt darin,  jene Kinder besonders zu unterstützen, die wenig bzw. sehr belastenden Kontakt zu ihren Herkunftsfamilien haben. Diese Kinder sind konfrontiert mit der Unzuverlässigkeit und sehr hohen psychischen Belastungen ihrer Angehörigen. Sie benötigen viel Hilfe um mit ihrer Trauer zu Recht zu kommen und um eigene Perspektiven entwickeln zu können.

 

Elternarbeit und Familienintensivbetreuung

Für die Entwicklung der Kinder ist die Aufnahme im Kinderdorf Pöttsching ein besonders wichtiger Schritt, um ihnen eine positive Entwicklung zu ermöglichen. Doch diese Situation erfordert sehr viel Feingefühl im Umgang mit den Kindern, aber auch mit den zuständigen Personen (Restfamilie, Eltern, Großeltern).

Die Kinder bedürfen meist einer intensiven therapeutischen Betreuung, die Familiensituation muss intensiv bearbeitet werden. Eltern, die den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen, immer wieder absagen, rufen bei den Kindern Unverständnis, Hilflosigkeit, Aggressionen, Wut, Trauer, Enttäuschung bis zu depressiven Verstimmungen hervor.

Eine Betreuung der Besuchssituationen, eine gute Vorbereitung und Planung dieser Eltern-Kinder-Kontaktsituationen ist besonders wichtig. Um diese schwierigen Situationen für unsere  Kinder gut bewältigen zu können, dass unsere Kinder ihre Geschichte verarbeiten können, bedarf es neben einer intensiven sozialpädagogischen und therapeutischen Betreuung auch einer intensiven Eltern-Kind-Betreuung. Diese Betreuung unterstützt uns sehr, einen positiven Entwicklungsverlauf bei den Kindern zu ermöglichen.

 

Therapie und Intensivbetreuung von schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen

Bei der Aufnahme der Kinder und Jugendlichen im Kinderdorf Pöttsching zeigt sich, dass durch die traumatisierenden Erlebnisse der Kinder und Jugendlichen in ihren Familien neben einer intensiven Betreuung eine Vielzahl von Therapieformen eingesetzt werden müssen.

Diese therapeutische Betreuung hilft den Kindern sehr, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Großen Erfolg erreichen wir beim Einsatz der Reit-, Musik- und Kunsttherapie. Besonders wichtigt ist der Austausch und das Zusammenarbeiten von Therapeut und Intensivbetreuer. So können besonders schwierige Situationen (Suizidgedanken, kindliche Depressionen, Aggressionsausbrüche etc.) früh erkannt und bearbeitet werden. Kinder/Jugendliche, die das Gefühl der Hillosigkeit erleben, können durch diese therapeutische und intensive SP-Betreuung ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl stärken. Um bei unseren Kindern/Jugendlichen einen positiven Entwicklungsverlauf zu erzielen, ist diese intensive Form der Betreuung besonders wichtig.

 

Interdisziplinäre Unterstützung von „Problemfamilien“

Es gibt viele Familien, die sich in schwierigen und belastenden Problemsituationen befinden, die sich unmittelbar auf die Kinder auswirken, aber noch keine akute Kindeswohlgefährdung vorliegt, wohl aber in Folge und ohne stützende Interventionen befürchtet wird.

Zielgruppe dieses Projekts sind Familien, in denen die gängigen ambulanten Hilfen mit großer Wahrscheinlichkeit als unzureichend angesehen werden, Fremdunterbringung aber (noch) nicht indiziert ist.

Beispielsweise

  • mehrfach belastete sogenannte Multiproblemfamilien (Arbeitslosigkeit, Alkohol, Gewalt,         innerfamiliäre Konflikte, Trennung usw.),
  • Kinder mit schwieriger Persönlichkeitsstruktur und/oder hohem Förderbedarf,
  • psychisch kranke Kinder,
  • Kinder psychisch instabiler und/oder pädagogisch insuffizienter Eltern,
  • Kinder mit psychisch kranken Eltern bzw. Elternteilen,
  • Kinder und Jugendliche, die den Schulbesuch verweigern oder vermeiden.

Für diese Familien, bei denen die bestehenden ambulanten und/oder aufsuchenden Betreuungsmöglichkeiten als unzureichend angesehen werden oder sich als nicht zielführend erweisen, bietet das Zentrum für Kind und Familie die Möglichkeit einer tiefgehenden umfassenden und fundierten Diagnostik ohne Herausnahme des Kindes aus der Familie sowie einer qualitativ hochwertigen sozialarbeiterisch-sozialpädagogisch-therapeutischen Weiterbetreuung und –behandlung in sehr unterschiedlichen und individuell zugeschnittenen Settings an.

Ein interdisziplinär besetztes Team bestehend aus Klinischen PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen, ÄrztInnen (Fachärzte für Kinder- u. Jugendpsychiatrie, Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendheilkunde), PsychotherapeutInnen, funktionale Therapeuten (Ergotherapie, Logopädie, Legasthenietherapie) usw. arbeitet gemeinsam. Dabei ist ein Teil des Teams in der jeweiligen Familie vor Ort und macht dort diagnostische Erhebungen (explorative Gespräche, teilnehmende Beobachtung usw.). Das gesamte weitere Team steht für ergänzende  Untersuchungen, Befundungen usw. sowie zur regelmäßigen Reflexion zur Verfügung.

Auf Basis dieser Diagnostik wird ein individuell mit der Familie und der zuständigen Fachkraft für Kinder- und Jugendhilfe gemeinsam erarbeiteter individueller Betreuungsplan erstellt.