Tätigkeitsbericht 2016

Die Gesellschaft Österreichischer Kinderdörfer betreut seit über 55 Jahren Kinder und Jugendliche aus sozial zerrütteten Familien. Unsere Kinderdorfkinder haben oft in jungen Jahren schwere Schicksale erlebt und kommen aus Familien, in denen Drogen oder Gewalt zum Alltag gehören. Oft wurden „unsere“ Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch. Ziel bei der Betreuung dieser Kinder ist immer die Rückführung in die Familie, was aber nur selten gelingt. Dadurch betreuen wird Kinder zwischen 3 und 18 Jahren. Manchmal auch darüber hinaus.

Wir versuchen in unseren Einrichtungen, diesen Kindern ein geborgenes Zuhause zu geben. Alle unsere Kinder leben in Bungalows oder in Wohnungen gemeinsam mit ausgebildeten Sozialpädagogen. In den meisten Fällen leben 8 Kinder gemeinsam in einer Wohneinheit. Sie essen gemeinsam, leben gemeinsam, lernen aufeinander Rücksicht zu nehmen und erfahren was es bedeutet, ein zu Hause zu haben.

Sie besuchen Kindergärten und Schulen und absolvieren auch eine Berufsausbildung in Form einer Lehre oder einer weiterführenden Schule. Bei der Entscheidung über die Berufswahl werden die Kinder von unseren Sozialpädagogen unterstützt und begleitet. Stolz sind wir natürlich immer, wenn einige unserer Kinderdorfkinder erfolgreich ein Studium abschließen können. Obwohl die Finanzierung für spezielle Ausbildungsbereiche nicht gesichert ist, versuchen wir den Jugendlichen das Erlernen ihres Wunschberufes zu ermöglichen.

Neben diesen „Basics“ bekommen alle unsere Kinder auch auf sie abgestimmte Therapien – Psychotherapie, Reittherapie bzw. tiergestützte Pädagogik, Kunsttherapie (Mal- & Musiktherapie). Diese sind wichtig, um die erlebten Tragödien gut verarbeiten zu können und die Benachteiligung im Bereich der Sozialisationsbedingungen aufzuarbeiten.

Ein besonderes Angebot, auf das wir auch sehr stolz sind, sind die Startwohnungen. Nachdem im Alter von 14 Jahren entschieden werden kann, ob der jeweilige Jugendliche in ein Jugendhaus übersiedelt (Einrichtung im Kinderdorf, in der bereits ein bisschen mehr Selbstständigkeit erforderlich ist, speziell für Jugendliche), besteht im Alter von 18 Jahren auch die Möglichkeit in eine der Startwohnungen einzuziehen. Gemeinsam mit ein oder zwei anderen Jugendlichen erlernen die jungen Erwachsenen dort das alleine leben und werden dennoch von den Sozialpädagogen des Kinderdorfes mitbetreut.

Seit Herbst 2014 haben wir aber unser Angebotsspektrum erweitert. Mit der Eröffnung des „Zentrum für Kind und Familie“ rückt die gesamte Familie in den Mittelpunkt unserer Arbeit und setzt familienbegleitende und familienfördernde Akzente. Angefangen von einer umfassenden Familiendiagnostik bis hin zu familientherapeutischen Maßnahmen, soll eine Fremdunterbringung des Kindes vermieden werden.

Dank der Unterstützung von Subventionsgebern, Sponsoren und Privatspendern ist es gelungen, wieder einige Zusatzprojekte zu realisieren. Die Berichte der wichtigsten Projekte des Jahres 2016 werden hier angeführt:

 

Back to men’s root

Seit mehr als eineinhalb Jahren ist das Angeln zu einem festen Bestandteil des erlebnispädagogischen Freizeitrepertoires des Anton-Afritsch-Kinderdorfes geworden. Zahlreiche Kinder und Jugendliche des Steinbergs konnten dabei für die Fischerei begeistert werden. Vor allem sonst als verhaltensauffällig wahr genommene Kinder wurden in ein völlig neues Licht gerückt und sind während des Fischens als meditativ und ruhig aufgefallen. Spannung und Neugier bildeten dabei die Grundvoraussetzung – Konzentration, Aufmerksamkeit, Geduld und der Umgang mit Misserfolg, wenn dann auch mal keine Fische bissen, wurden täglich erprobt.

Unser zweites Angelcamp fand 2016 im Fischteichparadies Nebel statt. Sieben Tage lang nahmen 13 Kinder des Anton-Afritsch Kinderdorfes an diesem Camp teil. Das Betreuerteam, bestehend aus den „Urgesteinen“ Thomas, Samuel und Christian wurde um Barbara erweitert.

Zentrale Tätigkeit blieb zwar nach wie vor das Angeln, daneben wurden jedoch u.a. viele Anregungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung gegeben. Auch heuer stand für uns die Eröffnung basaler Lebenswelten im Vordergrund und somit wurde gleich zu Beginn eine sehr wichtige Regel festgelegt: der ausnahmslose Verzicht auf elektronische Medien wie Handy oder Computer. Nur so konnte garantiert werden, dass sich jeder innerhalb der großzügig festgelegten Sphären bewegen würde, ohne die Möglichkeit zu haben sich virtuell „auszuklinken“. Dranbleiben und sich den Herausforderungen des Camps zu stellen, das war hier die Devise!

Mit jedem Tag sank der Stresslevel, die Kinder zeigten sich geduldig und wenig nervös, sie waren aufmerksam und konzentriert bei der Sache, stets drauf fokussiert, einen Biss an der Angel rechtzeitig wahrzunehmen. Und die Gruppendynamik dieses Camps beeindruckte uns heuer alle, stets wusste man sich gegenseitig unter die Arme zu greifen, unter den Kindern wuchsen Experten und Expertinnen, die andere unterstützen konnten, abends konnten wiederrum Andere am Lagerfeuer so richtig aus sich herauskommen.

Viele konnten bei diesem Camp in neue Rollen wachsen, wir hoffen, dass im Sinne einer Transferleistung so einiges mitgenommen werden konnte in den Lebensalltag. Die Vernetzung einzelner Kinder und Betreuungspersonen aus allen Wohngruppen, alternative Kontakte zu schließen, neue Interessensgruppen zu finden und eine Gemeinschaft zu erleben, das stärkt nicht nur die Gesamtstimmung innerhalb einer Einrichtung, es stärkt auch jeden einzelnen persönlich.

 

Heilpädagogisches Reiten und tiergestützte Pädagogik

Heilpädagogisches Reiten ist v.a. in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eine ideale Methode, um die Gesamtpersönlichkeit des Kindes und Jugendlichen anzusprechen. Heilpädagogisches Reiten wird von den Kindern und Jugendlichen als pädagogisches-psychologisches Verfahren akzeptiert, ohne dass es als eigentliche Therapie empfunden wird. Bei dieser Methode bieten sich durch fortwährende Sinneseindrücke, Bewegungsangebote, Bewegungserfahrungen und die ständige Interaktion, die sich zwischen Kindern und Jugendlichen – Pferd – Pädagogen – Gruppe ergeben, viele Möglichkeiten des Lernens und der Entwicklung. Dabei wird versucht Menschen mit Teilleistungs- und Lernschwächen, Verhaltensauffälligkeiten, geistiger Behinderung, Sinnesbehinderung, Wahrnehmungs- und Sprechstörungen, Störungen im emotionalen und sozialen Bereich zu fördern.

Während das heilpädagogische Reiten an allen Standorten angeboten wird, wird im Europahaus des Kindes über die Reittherapie hinaus, versucht, durch einen Tierstall mit Lamas, Schafen, Ziegen und Hunden Defizite der Kinder auszugleichen. Die Kinder versorgen die Tiere abends und am Wochenende, dies fördert Ihr Verantwortungsbewusstsein. In kleinen Gruppen und mit Hilfe einer Mitarbeiterin werden abwechselnd die Ställe ausgemistet sowie Heu und Wasser verteilt. Soziale Defizite der Kinder werden ausgeglichen und sie haben etwas, auf das sie stolz sein können. Eine Heilpädagogin betreut Kinder in Einzelförderstunden und kann so auf besondere Bedürfnisse eingehen. Die Methode und die Zielsetzung ist abhängig vom Kind und regelmäßig wird reflektiert, ob die Ziele erreicht werden und wie der weitere Verlauf der Betreuung aussehen soll.

 

Tanzpädagogisches Projekt

Im Rahmen eines tanztherapeutischen Projektes ist ein großartiges Theaterstück entstanden, das die Kinder und Jugendlichen gemeinsam aufgeführt haben.  Im Rahmen des mehrmonatigen Projektes ging es vor allem darum, Grenzen immer wieder neu zu definieren und Konflikte tänzerisch zu bearbeiten.

 

Mal- & Gestaltstherapie

Kunsttherapie ist zunächst eine Therapieform, die zusätzlich zum Gespräch verschiedene künstlerische Methoden (Malen, Musik, usw.) in den Prozess miteinbezieht. Im Mittelpunkt der Kunsttherapie steht der Mensch in seinen jeweiligen Lebensphasen, mit seinen Fragen oder Problemen und mit seinem Bedürfnis, eine Möglichkeit und Form des Ausdrucks für seine inneren Bilder zu haben. Diese Bilder vermitteln einen direkten Zugang zu Erfahrungen, Erlebnissen, Wünschen, Gefühlen und Vorstellungen, die sich auch lösungsorientiert auf die Zukunft beziehen können. Über den künstlerischen Ausdruck wird ein therapeutischer Dialog eingeleitet. Kinder haben einen positiven und meist schnellen Zugang zu ihren inneren Bildern und kreativen Potenzialen, sie verstehen es besonders, die Möglichkeiten künstlerischen Tuns für sich zu nutzen. Kinder mit einer Behinderung erfahren eine besonders wertvolle Begleitung und Unterstützung in ihrer Entwicklung und Lebensbewältigung.

 

Gartenprojekt – Wurzeln schlagen

Im kinderdorfeigenen Garten finden sich ideale Voraussetzungen, um ihn gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen in vielfältiger Art und Weise zu bewirtschaften. So gibt es in unserem Garten verschiedene Gemüsesorten, Kräuter aber auch Beeren essbare Blumen. Neben dem Aussähen und Einpflanzen der Leckereien standen auch Arbeiten wie das Abdecken des Tomatenbeets, der Erschaffung eines Palettenbeets, das Zupfen des unnutzbaren Beikrauts und der Schneckenprophylaxe an. Im Sommer soll noch der Wunsch der Kinder nach einer Sitzbank realisiert werden.

Was im Garten natürlich aber am meisten Freude bereitet, ist das Ernten der Früchte. Der Garten versteht sich zum einen als Naschgarten, an dem sich die Kinder für eine gemeinsame Mahlzeit bedienen dürfen, als auch ein Ressourcengarten, der sowohl für die Küche als auch für die Zeit nach der Ernte etwas hergibt. Mit den Kindern und Jugendlichen wird dann gemeinsam eingekocht, getrocknet und verarbeitet.

Es geht bei diesem Projekt aber nicht nur um den Anbau, die Pflege, die Ernte und die Verarbeitung von Obst, Gemüse und Kräutern, sondern auch um die Wissensvermittlung über gesunde Nahrung als auch um die Wirkung des Arbeitens in der Natur als Ausgleich und zum Stressabbau. Das Ziel ist es, den beteiligten Kindern und Jugendlichen die Freude am Produzieren des eigenen, gesunden Essens näherzubringen, die Genussfähigkeit zu steigern und eine weitere Möglichkeit der Stressbewältigung aufzuzeigen.